Navidad – Weihnachten

Oh, liebliche Weihnachtszeit. Eine Zeit der Besinnung, der Gemütlichkeit, der Familie.
Eine Zeit, um 20 komplett unmusikalischen Kindern zu vermitteln, dass man Stille Nacht, bzw Noche de Paz eben von paz singt und nicht schreit. Eine Zeit um in Akkordarbeit 50 kleine Weihnachtsmänner, Rentiere, Sterne und Weihnachtsbäumchen herzustellen und an einem Nachmittag 500 Kekse zu backen. Eine Zeit, um deine Maria-Schauspielerin zu überzeugen, dass sie leider nicht ohne falschen Schwangerschaftsbauch auftreten kann, auch wenn dieser ihr nicht steht. Eine Zeit, um dich mit 5 großen Tüten voller Geschenke in den Micro zu quetschen, nur um dann am Tag der Alegria- Weihnachtsfeier festzustellen, dass man die 6. Tüte im Laden hat stehen lassen.
Trotz all dem Stress wurde die Weihnachtfeier im Projekt sehr schön, geradezu lieblich.
Die Weihnachtsgeschichte ging fast problemlos über die Bühne, nur mein guter Hirte Nr. 2 bekam Nasenbluten und sah in seinem rotbefleckten weißen Hemd eher aus wie ein Metzger. Keiner hat allzu schief gesungen und auch wir Freiwilligen haben We wish You a merry Christmas geschafft, ohne uns mit den Strophen zu verwirren (ein Weihnachtswunder!). Alle haben sich vergnügt Buñuelos (superleckere frittierte Teigdinger) und Kekse reingehauen und die Kinder haben bezaubernd Chuntunquis getanzt. Bolivianische Weihnachten, Lektion Nr. 1: Ohne Chuntunquis geht gar nichts. Lektion Nr. 2: Ohne Buñuelos und Paneton schon mal gar nicht.
Und keine Sorge, die Tüte Nr. 6 konnte durch Laras und Jils beherztes Eingreifen geborgen werden und die Kinder freuten sich sehr über ihre Geschenke. Die Puppen wurden umgezogen, die Actionfiguren lieferten sich Schlachten, auf der Spielzeuggitarre hörten wir eine bezaubernde Version von Mi Corazón aus Coco und ich wurde fast von einem fliegenden Fußball geköpft. Das ganze war so schrecklich bezaubernd und ich war höchst betrübt, dass ich die Kinder erst im Februar wiedersehe. So lernte ich Lektion Nr. 3: Das Mascara kannst du dir sparen, am Ende siehst du aus wie ein Panda.
Weihnachten selbst habe ich mit meiner Familie gefeiert. Ein paar Tanten, Onkels und andere Anverwandte waren zum picana-Essen da. Dieses typische Weihnachtsgericht besteht aus viel Fleisch mit sehr leckerer Soße oder eher Suppe, Möhrchen, Erbsen, Kartoffeln und Maiskolben. Lektion Nr. 4: Picana ist super lecker, aber nach zwei Wochen andauernder Weihnachtsfeiern hast du echt die Nase voll davon.
Außerdem gab es noch Buñuelos (von mir und meiner Gastomi gemacht), Schokolade, Paneton (Weihnachtskuchen, auch von mir gemacht, zusammen mit 55 anderen Kuchen für die Cemva- Weihnacbhtfeier.
Das alles haben wir also verspeist, und zwar um 23 Uhr abends. Man hatte kaum Zeit, seinen prallgefüllten Bauch zu bewundern, da schlug die Uhr schon Mitternacht und meine Gastmama wurde zur guten Fee und schickte alle Gäste mit dem 12. Glockenschlag nach Hause. Die Feier war gemütlich, aber für meine Verhältnisse doch recht kurz. Keine Kirche, kein Geschenkeauspacken und kein Nule Jule gänner (keine Angst Mama ich weiß wie mans wirklich schreibt).
Aber so schlimm war es nicht, denn so war Weihnachten für mich dieses Jahr sehr stressfrei. Und per (Achtung, Schleichwerbung) whatsapp-Anruf konnte ich sogar den dieses Jahr doch etwas schiefen Gesängen (no hate) meiner Familie in Deutschland lauschen.
Mein Weihnachtsprogramm hatte noch ein paar Punkte mehr zu bieten: An einem Abend hatten wir eine sehr goldige Freiwilligen- und Koordinatorenweihnachtsfeier komplett mit Glühwein, selbstgebackenen Keksen und Wichteln.
Dann, erinnert euch an Lektion Nr. 1, mussten wir natürlich unsere Chuntunquiskünste unter Beweis stellen. Mit den lieben Wiñayleuten bin ich in einer Chuntunquis-Parade durch die Stadt mitgetanzt. Obwohl ich nur mit sehr rudimentärem Wissen über die Tanzschritte ausgestattet war und es in Strömen regnete, war die Entrada ein voller Erfolg. Ich hatte riesigen Spaß und wurde sogar für das Radio interviewt. Es hat uns so gut gefallen, dass wir an den beiden Weihnachtsfeiern zur Reise nach Serrano aufbrachen, einem Dorf in dem die schönsten Chuntunquis-Tänze und generelle Weihnachtsfeierlichkeiten stattfinden sollten. Von dieser Aussage wurden wir zwar nicht überzeugt, aber wir haben uns trotzdem sehr gut amüsiert. Allein schon die 5-stündige Fahrt durch atemberaubende Landschaften in (und auf dem) Lastwagen war die Reise auf jeden Fall wert. Und am Straßenrand in einem offenen Lastwagen zu schlafen ist auch eine Erfahrung, die man mal gemacht haben sollte.
Dieses Jahr hatte ich ein ganz anderes Weihnachten als sonst und es hat richtig Spaß gemacht. Trotzdem freue ich mich schon auf das ganz normale, durchaus liebliche Weihnachten 2019 mit meinen Lieben.
Was mich direkt dazu führt, mich für dieses Jahr zu verabschieden. 2019 hört ihr dann wieder von mir. Ich sende euch ganz liebe Grüße aus Sucre, ¡feliz navidad y un prospero año nuevo!

P.S: das ich das jetzt erst hochladen kann, liegt an WordPress nicht an mir, ich schwöre!

Der Engel von Bethlehem und die Hirten
Chuntunquis
Sorry Mama
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La reina – die Königin

Am 5.12. war Tag des Freiwilligen, was allerdings niemand wusste, weshalb die Zahl der Gratulationen, die ich erhielt, äußerst gering war. Wenigstens haben unsere lieben Koordinatoren an uns gedacht und uns über das Wochenende zu einem Ausflug nach Cajamarca eingeladen. Nachdem wir den Abfahrtsort endlich fanden, kam im Bus richtige Klassenfahrtsstimmung auf und alle waren sehr vergnügt. Die letzten 4 km zum Haus mussten wir laufen, was ich nicht so auf dem Schirm hatte, sonst hätte ich sicher nicht 6 Liter Sprite mitgenommen. Nach diesem rückenmuskulaturstärkenden Marsch kamen wir an unserer Unterkunft an, die sich als entzückend herausstellte. Das Haus besteht aus einem Aufenthaltsraum unten und einem Schlafzimmer mit 20 Matratzen oben, plus Küche und Bad. Strom kommt von den Solarplatten auf dem Dach und der Müll wird getrennt, was ich zum ersten Mal in Bolivien gesehen habe. Ringsherum gibt es Blümchenwiesen, Wald, Hühner, ein Pferd und die coolste Seilrutsche aller Zeiten. Auf dieser verbrachten wir die erste Stunde nach unserer Ankunft. Abends zauberte Ruth ihre Gitarre und ihr großes, allwissendes Liederbuch hervor und es war wahrlich Ferienstimmung.
Am nächsten Tag brachen die anderen in aller Frühe zu einer Wanderung auf, aber das ist ja bekanntlich gar nicht mein Stil. Ich fand noch ein paar Gleichgesinnte und wir hatten einen schönen Vormittag mit Kacho und Kartenspielen. Als die anderen wieder zurückgekrochen kamen, haben wir erstmal alle eine Siesta gehalten und sind dann runter zum Flüsschen. Abends gab es noch das obligatorische Lagerfeuer und am nächsten Morgen sind wir durch die wirklich schöne Landschaft zurück gelatscht, ich diesmal mit einer Riesentüte Essen über der Schulter.
Wie man so sagt, das Beste kommt zum Schluss, denn wir haben für den Rückweg nach Sucre das unbestritten stylishste Transportmittel gefunden: Ein Biertransporter nahm uns auf der Ladefläche mit. Wir saßen im schönsten Sonnenschein und sind fröhlich durch Wald und Wiesen kutschiert worden. Der Fahrer wollte nichtmal Geld haben und hat uns auch noch Bier geschenkt. Und als wir dann in die Stadt hineinfuhren, stellte ich mich mit wehenden Haaren in den Fahrtwind, breitete die Arme aus und fühlte mich wie die Königin der Welt.

aprender – yachakuq – lernen

Wie euch sicherlich bekannt ist, lernt man ja nie aus. So dachte auch ich mir, erweitere ich mal meinen Horizont  und lerne Quechua. Gemeinsam mit Nadine nehme ich zweimal die Woche Unterricht und wir haben in den letzten 5 Wochen schon ganz schön viel gelernt. Ich will euch kein Wissen vorenthalten, deshalb an dieser Stelle ein kleiner Crashkurs:
Die gängige Begrüßung ist Imanaylla Kashanki?-Wie geht’s?, worauf man dann Wallijlla-Gut antwortet. Ñuqa kani heißt ich bin, also zB Ñuqa kani Malin. Pachi ist Danke und die Zahlen bis 10: Uq, iskay, kinsa, tawa, phichq’a, sojta, qanchis, pusag, isq’un, chunka. Ich kann auch schon schicke Sätze bilden: Qhatuman rishani Nadiniwan rantiy papayata (Ich gehe mit Nadine zum Markt, um Papaya zu kaufen). Aber sprechen und besonders verstehen ist dann doch noch etwas schwierig.
Außerdem nehmen wir auch Tanzstunden im Wiñay und lernen die folkloristischen Tänze der verschiedenen Regionen Boliviens. Es macht super viel Spaß und ist durch das Rumspringen auch voll anstrengend. Wir können schon: La Diablada (Teufelstanz), Tobas (amazonischer Speerjägertanz), Halk’as (Erntetanz), Tinkuy (Kampftanz)und den Weihnachtstanz Chuntunquis. Ihr seht, ich bin für jede Situation gerüstet. Ansonsten haben wir im letzten Monat ziemlich viel unternommen, was ich einfach mal uninspiriert aufzählen werde:
Anfang November war für mich Halloween Teil 2. Nachts waren wir auf dem Friedhof, wo uns die berühmten Verstorbenen persönlich aus ihrem Leben erzählt haben. Das Event war sehr beliebt und wir haben uns schon 5 Stunden vorher angestellt (in meinem Fall angesessen). Am nächsten Tag war wieder Casa de Terror angesagt, diesmal im Wiñay (okay, okay, ich gebs zu, wir hatten die Idee von ihnen geklaut). Das Wiñay hat ein ganzes Haus zur Verfügung und jeder Raum wurde benutzt. Es gab einen Raum mit Zombies, mit verrückten Ärzten, Gruselclowns und Nonnen. Nadine und ich waren Lloronas, das sind die verrückten Frauen, die immer ihre Kinder suchen. Ich fand auf dem Markt ein fantastisches LadyMacbeth-Style Nachthemd, dann noch ein bisschen Schminke und toupierte Haare und schon sah ich aus wie einem Horrorfilm entsprungen. Und dann war der Raum auch noch dunkel mit nur einem flackernden Lichtchen und creep Musik.
Uns wurde aber eindeutig von den Jungs im Raum vor uns die Show gestohlen. Die Guten waren auch auf dem Markt gewesen, aber nicht um Klamotten zu kaufen. Stattdessen hatten sie sich mit Kuhlebern und Herzen sowie jeder Menge Schweineblut eingedeckt. Dann haben sie alles über den Boden gekippt und sich dann in der ganzen Sauerei rumgewälzt und versucht, die Besucher zu packen. Das war schon echt widerlich und die ganzen Leute die durch diesen Raum gelatscht sind haben das Zeug natürlich unter ihren Schuhen mit in unseren Raum getragen. Gut, dass ich mich gegen den barfuss-Look entschieden hatte. Aber die Besucher waren begeistert aka zu Tode verängstigt, also ist ja alles gut.
Am nächsten Tag brauchten wir Entspannung und außerdem waren es über 30 Grad (vergesst nicht, wir haben Sommer), daher sind wir zu den Siete Cascadas gewandert. Das sind, wie alle Spanischcracks unter uns sicher schon verstanden haben, sieben Wasserfälle. In den Becken kann man sehr entspannt schwimmen und wenn man abenteuerlustig ist, auch von den Felsen reinspringen. Eine Woche später sind wir wieder dorthin gepilgert, diesmal mit nicht weniger als 25 Leuten, denn Ruth und Antonia hatten zum Geburtstagfeiern einladen. Die meisten waren Deutsche und ich sag euch, ich wurde noch nie in meinem Leben so angestarrt, wie als ich mit 20 anderen gringos durch Alegría gelaufen bin. Das ist überhaupt eine Sache an die ich mich gar nicht gewöhnen kann: Dass man immer und überall angestarrt wird. Letztens, als ich mit meiner Gastmama auf einer Hochzeit war, fühlte ich mich echt wie eine Zirkusattraktion. Aber gut, unserer Stimmung beim Ausflug hat das überhaupt keinen Abbruch getan und wir hatten einen dieser durch und durch perfekten Sommertage, an denen man einfach nur schwimmt, sich sonnt und massig Obst isst. Schon eine entspannte Gruppe, wir Freiwilligen.
Am nächsten Tag sagte mir meine Gastoma, wir würden auf die Kirmes gehen und ich freute mich aufs Riesenrad- und Geisterbahnfahren. Als wir ankamen, stellte sich heraus, dass eine Kirmes in Bolivien eine Veranstaltung ist, bei der jemand-in diesem Fall die Kirche meiner Omi-Mittagessen verkauft, um Geld zu sammeln. Da es Essen gab, war ich so oder so zufrieden.
Wo ich grade von der Kirche schreibe, muss ich noch kurz eine Geschichte erzählen: Gestern kam ein Junge aus dem Projekt mit sehr nachdenklichem Gesicht in die Küche, wo ich grade mit den Köchinnen mein Quechua austestete. Ob wir denn wüssten, dass das Ende der Welt bevorsteht, fragte er uns. Das hätte sein Pfarrer gesagt und jetzt frage er sich doch ernstlich, ob es sich noch lohnen würde, in die Schule zu gehen. Die Köchin versuchte ihn zu beruhigen, indem sie sagte: Wenn das Ende der Welt bevorstünde, dann würde niemandem vorher Bescheid gesagt, vor allem nicht deinem geschwätzigem Pfarrer. Das hat seine Angst nun nicht wirklich beruhigt und ich verbrachte den restlichen Nachmittag mit dem Versuch ihm einzureden, er solle doch noch weiter die Schule besuchen.
Aber noch am selben Abend war auch ich der festen Überzeugung, die Apokalypse wäre über uns gekommen, denn das Wetter hat absolut verrückt gespielt. Es hat so stark geregnet, dass die Straße zu einem Fluss wurde und es sogar durch meine Decke getropft hat. Dazu kamen Blitze alle paar Sekunden und der lauteste Donner aller Zeiten. Ich konnte meine Musik nicht mehr hören, dabei war sie auf voller Lautstärke. Als ob das nicht genug wäre, hagelte es auch noch Tennisbälle. Alles war von dem Eis bedeckt. Entgegen aller Erwartungen haben wir den Weltuntergangssturm unbeschadet überstanden, nur der Aprikosenbaum hat vor lauter Schreck alle seine Früchte fallen lassen. Auch sonst regnet es dauernd, aber so etwas habe ich echt noch nie erlebt. Ich sage euch, Petrus hat hier Stimmhngsschwankungen, jeden Morgen nehme ich Sonnenhut, Regenjacke und Pulli mit zur Arbeit, denn man weiß nie, was der Nachmittag bringt.
Außer dieser klimatischen Unsicherheit läuft bei der Arbeit alles tiptop. Wir haben den Monat damit zugebracht, die Kinder auf ihre Abschlussprüfungen vorzubereiten und jetzt, wo diese geschrieben sind, planen wir die Weihnachtsfeier. Was wir da genau machen, erzähle ich euch dann, man muss ja auch eine gewisse geheimnisvolle Aura beibehalten. Zwischen Weihnachten und dem neuen Jahr habe ich dann frei und im Januar machen wir Ferienprogramm. Im Februar beginnt die Schule wieder und wir öffnen den Comedor auf jeden Fall. Dann müssen wir einfach gucken, wie lange uns das Geld ausreicht. Also, falls jemand noch keine Weihnachtswünsche hat, lasst euch doch eine Patenschaft für eins meiner Kinder schenken! Oder spendet an: Gemeinschaftsstiftung Bolivianisches Kinderhilfswerk
> Bank: Kreissparkasse Esslingen
> Iban: DE98 6115 0020 0007 4810 48
Verwendungszweck: Comedor Alegría
Habt einen schönen und entspannten Advent! Ich für meinen Teil habe schon meine Family mit Weihnachtskeksen beglückt.
Wie immer alles Liebe aus Sucre!

PS: Nach einer halben Stunde rumprobieren habe ich aufgegeben, die Fotos schick einfügen zu wollen. WordPress und ich werden niemals Freunde.

Cien – Hundert

 

Hallöle,

Ich bin leider in den letzten Wochen überhaupt nicht zum Schreiben gekommen, ich bin im Moment voll beschäftigt. Ich musste meinen ersten offiziellen Zwischenbericht schreiben, weil ich schon 3 Monate hier bin. Genauergesagt heute 100 Tage. Ich dachte, ich stelle den mal hier rein. Hoffentlich schaffe ich es auch bald, alles Neue zu berichten. Aber hier ist jedenfalls die Zusammenfassung der letzten drei Monate für alle, die zu faul sind, alle Einträge zu lesen. Uns ich weiß, dass ich mich anhöre wie ein Honigkuchenpferd, aber ich bin halt glücklich.

Heute ist genau der 100. Tag, seit wir Augustfreiwilligen am 15.8. In Santa Cruz aus dem Flugzeug gestiegen sind. Diese 100 Tage waren für mich aufregend und ereignisreich, aber vor allem war jede einzelne Tag wirklich schön. Ich bin sehr froh, dass ich es so gut getroffen habe mit meiner tollen Gastfamilie, meinen wundervollen Mitfreiwilligen und der schönsten Stadt Boliviens Sucre. Sucre ist sehr hübsch und ruhig. Ich lebe nicht im Stadtzentrum, sondern oben im Barrio Canadá. Ich finde mein Viertel und mein Haus super. Ich wohne direkt in der Nähe von drei anderen Freiwilligen, was super ist, und meine Arbeit ist auch nur 10 Minuten mit dem Micro entfernt. Wir sind insgesamt 16 BKHW-Freiwillige in Sucre und machen sehr viel zusammen. Einen Monat nach unserer Ankunft haben wir in der Entrada de la Virgen de Guadelupe, einem riesigen Umzug durch die ganze Stadt, Tinkuy getanzt, was eine fantastische Erfahrung war. Dafür haben wir jeden Abend mit unserer Tanzgruppe hier im Viertel geübt. Seit Kurzem machen wir zweimal die Woche einen Tanzkurs im Projekt Wiñay. Wir sind auch schon auf Reisen gegangen, nach Potosí, Tarija und Cochabamba. Mein Projekt heißt CEMVA und jst sehr groß. Es gibt drei Kinderkrippen und zwei Nachmittagsbetreuungen, außerdem Erwachsenenbildung. Wir sind insgesamt 7 Freiwillige, davon 4 vom BKHW. Wir laufen uns aber nicht zu viel über den Weg, weil es so viele verschiedene Einsatzorte gibt. Ich arbeite im äußeren Stadtteil Alegría. Dort leben Familien, die zum Großteil erst kürzlich vom Land hergezogen sind. Viele der Eltern sprechen auch kein Spanisch, sondern nur Quechua. Deswegen nehme ich auch Unterricht in der Sprache. Ich liebe es, in Alegría zu arbeiten, aber es tut mir im Herzen weh, wenn ich sehe, wie manche meiner Kinder leben. Zum Glück hilft Cemva schon vielen Familien, ihre Situation zu verbessern. Trotzdem fühle ich mich manchmal wie gelähmt, wenn die Kinder mir von familiären Problemen erzählen dass, weil ich überhaupt keine Ahnung habe, wie ich ihnen helfen kann. Jedenfalls arbeite ich morgens im Kindergarten in der Gruppe der 2- und 3-jährigen. Es sind 8 Kinder und eine Erzieherin, die ich unterstütze. Jeden Morgen kommen mir die Kinder entgegen gelaufen, sobald ich die Tür öffne und wollen mich erst umarmen und mir dann im Detail erzählen, welches Kind heute schon wen gehauen hat. Sie sind echt so süß, mein Herz könnte zerspringen. Wir spielen zusammen, lernen die Farben, Formen und Nummern bis 5, malen und gehen spazieren. 8 Kleinkinder bedeutet ganz schön viel Arbeit und ich habe mich noch nie überflüssig gefühlt. Gleichzeitig bin ich auch nicht überfordert, weil die Erzieherin ja immer da ist. Mittags, nachdem die Kleinen gegessen haben, gehe ich runter zu Comedor, wo die Schulkinder ankommen. Dann essen wir und danach wird gelesen, während einige Kinder den Raum sauber machen. Dann helfe ich den Kindern bei den Hausaufgaben und wenn sie fertig sind wird draußen gespielt. Jeden Freitag machen wir Aktivitäten wie Fußball spielen, basteln, tanzen oder kleine Ausflüge. Die Aktivitäten darf ich mir immer ausdenken. An Halloween haben wir ein Casa de Terror, ein Gruselhaus, veranstaltet, das ein riesiger Erfolg war. 150 Besucher sind gekommen, um sich von unseren Kindern erschrecken zu lassen und von dem Eintrittsgeld werden wir Weihnachtsgeschenke kaufen können. Ich mag mein Projekt sehr, besonders dass ich so viele Möglichkeiten habe, Ideen einzubringen. Und ich liebe es, wie man merkt, wie sehr die Kinder aufblühen, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Meine Kinder sind echt fantastisch und ich freue mich jeden Tag, sie zu sehen, auch wenn sie natürlich auch oft anstrengend oder unmotiviert sind. Insgesamt ist also alles sehr gut bei mir und ich bin unglaublich froh, dass ich mich für diesen Freiwilligendienst entschieden habe. Ich fühle mich km Projekt gebraucht und auch wertgeschätzt und ich habe jetzt schon Angst vor dem Moment, wenn ich Abschied von meinen Kindern nehmen muss. Auch außerhalb der Arbeit habe ich viel Spaß. Ich habe schon viele richtig interessante Leute kennengelernt, tolle Freunde gefunden und mich gut eingelebt. Am meisten freut mich, dass ich noch knapp 9 Monate hier bleiben darf. Viele Grüße aus Sucre, Malind

El verano – der Sommer

Freunde, ihr kennt mich nicht als den spontansten Menschen aller Zeiten, ich plane gern alles vor. Wenn ich aber eins über das Leben in Bolivien gelernt habe, dann dass die Dinge immer anders kommen als geplant. Ich hatte jedenfalls vor, über das Wochenende mit Nadine nach La Paz zu fahren. Es war nämlich Todos Santos, also Allerheiligen, und daher von Donnerstagmittag bis Sonntag frei. Ich war aber mach der Casa de Terror selbst eher dem Reich der Untoten zuzuordnen und bin daher Mittwochabend nicht mitgefahren. Am nächsten Morgen schien die Sonne schon wieder heller, die Vögel haben gezwitschert usw. Auch ich war wieder auf der Höhe meiner Kräfte und bin daher der Einladung von Janine, Antonia und Karla gefolgt, mit nach Cochabamba zu fahren.
Die Stadt, von Insidern CBBA abgekürzt (fast wie CCAA, Ich fühle mich heimisch!), hat über 600.000 Einwohner und liegt ein bisschen tiefer als Sucre. Wegen ihrem Klima wird sie die Stadt des ewigen Frühlings genannt. Ich habe mir die Freiheit genommen, so zur Stadt des ewigen sommers umzubenennen, denn es war heiß! Alternativ könnte man Cochabamba little italy nennen, man fühlt sich echt wie im Toskanaurlaub. Es gibt Eis (wie habe ich es vermisst!), zwar zu horrenden Preisen, aber voll lecker. Außerdem wachsen überall Palmen und die Mauern sind mit bunten Blumen bewachsen und es liegen einfach so italienische vibes in der Luft.


Wir haben es, wie immer im Urlaub, mit dem Essen dezent übertrieben, aber es gab einfach so viel Auswahl! Wir hatten fantastische veggie-Burger wie von Hans im Glück und sogar Kebap in einem Etablissement namens The Dönner Kebap (ja, mit zwei n). Dazu snacks en masse. Die salteñas, ich sag’s euch! Da eröffnen sich dir ganz neue Sinnesebenen.
Wir haben nicht nur gegessen, sonders uns auch kulturell weitergebildet. Am Freitag haben wir den Friedhof besucht, zusammen mit so ziemlich jedem einzelnen Bewohner der Stadt, denn es war ja Tag der Toten. Der Friedhof ist, genau wie in Sucre, sehr weitläufig und perfekt gepflegt. Er sieht eher aus wie eine Parkanlage. Im Gegensatz zu Sucre stehen in CBBA viel mehr Familiengräber, die wie Häuser sind und unglaublich viel kosten. IMG-20181104-WA0019

Wir wussten gar nicht, dass Cochabamba so viele superreiche Einwohner hat, aber ein kurzer Besuch des Villenviertels belehrte uns eines Besseren. Es gibt hier auch viel mehr Privatautos und die Leute kaufen eher in Läden als auf dem Markt ein. Viele amerikanische Läden sind vertreten und es gibt sogar einen Burgerking mit Drive-in!
Passend zum Thema Superreiche haben wir uns den Palacio Portales angeschaut, eine Villa die sich ein reicher Minenbesitzer in den 1920ern hier gebaut hat. Der Stil ist komplett europäisch mit hauptsächlich italienischen Einflüssen. Weil wir die spanische Führung verpasst hatten (man kommt in fast alle Museen in Bolivien nur mit Führung rein), haben wir die englische mitgemacht. Es war so surreal, mit einer Gruppe holländischer und französischer Rentner durch dieses Schloss geführt zu werden, das nur so vor Geld platzte. Das Haus und der Garten waren wunderschön, aber man hat sich gar nicht wie in Bolivien gefühlt. Aber klar, auch das gehört zu diesem vielschichtigen Land.


Weil wir immer noch nicht genug Kulturprogramm hatten, haben wir uns das Kloster Santa Teresa angeschaut. Eine Familie galt früher nur als angesehen, wenn sie ihre älteste Tochter dem Kloster „geschenkt“ hatte. Die Mädchen kamen schon mit zehn Jahren in den Konvent und haben diesen danach NIE WIEDER verlassen. Nicht ein einziges Mal! Sie durften genau 15 Minuten am Tag miteinander reden, sonst war Schweigen angesagt. Gebadet hat man sich nicht und die Frauen durften nicht mal ihren eigenen Schatten ansehen, weil das ein Zeichen von Eitelkeit wäre. Sie durften niemanden und nichts aus der Außenwelt sehen und nicht mal auf den Balkon gehen. Und für den Spaß haben die Familien dann auch noch Unmengen gezahlt. Herrlich.
Außer diesen drei Highlights haben wir noch das Wahrzeichen der Stadt Cristo de la Concordia besucht.

Diese Jesusstatur ist größer als die von Rio und wacht seit 1994 treu über ganz Cochabamba. Ich habe mich bei 30 Grad strikt geweigert, die Stufen den Berg hoch zu steigen und auf der Treppe soll man sowieso ausgeraubt werden. Die Entscheidung fiel also auf die Gondel als Transportmittel. Wir haben auf der Fahrt angestrengt nach Dieben Ausschau gehalten, die sich im Gebüsch verstecken, aber keine erspäht. Oben angekommen haben wir unsere 1001 obligatorischen Fotos geschossen und den fantastischen Ausblick genossen und sind dann wieder gemütlich runtergefahren.
Das ganze Wochenende war höchst gelungen, auch wenn wir uns unsere Füße echt platt gelaufen haben. Und es ist natürlich eine Freude, euch im kalten Deutschland mit meinen Sonnenscheinbildern neidisch zu machen.

El miedo – die Angst

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Happy Halloween! (naja,nachträglich)
Pünktlich am 31.10. war in meinem Projekt Casa de Terror angesagt. Für alle, die in der Terminologie nicht so bewandelt sind, das ist ein Gruselhaus. Halloweenfeiern ist hier zwar nicht so verbreitet (in Deutschland ja auch nicht), aber die Bolivianer LIEBEN Horror. Meine Kinder im Projekt kennen alle Horrorfilme wie Es, Chucky, Arrow oder Anabel in- und auswendig. Und weil ich immer nach einem Vorwand zum Verkleiden suche, haben wir uns überlegt, unsere Casa de Niño für einen Tag zum Casa de Terror zu verwandeln.
Wer hätte gedacht, dass das so eine Arbeit ist? Ganz besonders, wenn das Ganze Mittwoch öffnen soll und man erst Montag mit der Vorbereitung anfängt. Als erstes sind wir in die Schule um die Ecke gegangen und haben ordentlich die Werbetrommel gerührt. Die netten Leute vom Wiñay (Ruths und Luis Projekt) haben mir massenhaft schwarze Tücher ausgeliehen, mit denen wir den Raum geteilt haben, so dass ein Weg mit vielen Ecken entstand. Dann haben wir die Fenster abgedunkelt, erst mit Zeitung, dann mit Tischtüchern und zuletzt mit Wolldecken. Den Kindern haben wir Horrorfilmfiguren als Rollen zugeteilt und uns um Kostüme gekümmert. Dann waren wir Deko und Kostüme für uns einkaufen und den Raum mit Spinnweben aus weißen Fäden geschmückt. Am Eingang hatten unsere selbstgebastelten Kürbisse ihren großen Auftritt. Dann haben wir ganz viel Wackelpudding gemacht (der hier gelatina heißt und sich bei Kindern wie Erwachsenen höchster Beliebtheit erfreut.) und Gruselmusik bei Spotify runtergeladen.

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Am Mittwoch kamen dann Ruth, Luis, Fabiola und Angel zum Helfen, was auch super war, denn sonst hätten wir es nie geschafft, pünktlich zu öffnen. Schließlich mussten alle kleinen Schauspieler geschminkt und Kartonweise Popcorn gemacht werden.
Um 14 Uhr haben wir dann unsere Türen geöffnet. Viele Kinder haben draußen schon seit Schulschluss um halb eins gewartet, weil ihr Nachhauseweg zu weit war. Jil und mir kam als Hexen des Hauses die Ehre zu, die Besucher in Dreiergruppen durch den Raum zu führen. Vorher hatten wir uns Sorgen gemacht, dass die Kinder nicht gruselig genug sind, weil sie nicht ernst bleiben konnten. Aber als es losging, haben sie sich echt zusammengerissen und haben toll erschreckt! Ich war echt überrascht vom Schauspieltalent der Kinder und wie sie sich nicht mal davon haben irritieren lassen, wenn ihre Freunde sie erkannt haben.
Obwohl der Besuch nur kurz war, waren die Besucher echt begeistert! Viele wollten direkt nochmal durchlaufen und alle haben mit ihren erschreckten Gesichtern beim Rausgehen voll Werbung gemacht. Je länger die Kinder draußen warten mussten, desto aufgeregter und schreckhafter wurden sie und je mehr sie sich erschreckt haben, desto mehr haben unsere Schauspieler sich angestrengt.


Der Ansturm war riesig! Wir mussten unsere Gruppen vergrößern und anfangen, zwei Gruppen gleichzeitig im Haus zu haben, um in den eingeplanten drei Stunden alle durchzulotsen. Es waren bestimmt 130 Kinder da, wenn nicht sogar 150. Wir haben auch 400 Bs eingenommen, was voll viel Geld ist. Umgerechnet sind es zwar nur 50€, aber mit den 400 Bs können wir allen Kindern schöne Weihnachtsgeschenke kaufen.
Der Tag war also ein Riesenerfolg und alle waren sehr zufrieden. Die Kinder hatten Spaß beim Erschrecken und die Besucher beim Erschrecktwerden und wir Freiwilligen waren einfach nur froh, dass alles reibungslos geklappt hat.


Danach waren wir alle todmüde und ich bin erstmal in mein Bettchen gefallen und hab bis zum nächsten Morgen durchgeschlafen. Ohne Alpträume!

Wer mithelfen möchte, damit mein Projekt nicht im Februar schließen muss (siehe letzter Beitrag), kann gerne einmalig spenden oder sogar eine Patenschaft für eines der Kinder übernehmen. Schreibt mir: malinsterr@gmail.com. Danke!

La ayuda – Die Hilfe

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Ihr Lieben,
Ich habe ein Problem!!
Ihr wisst ja, dass ich nachmittags im Comedor Alegría mit 30 Kindern arbeite. Sie kriegen dort täglich ein warmes Mittagessen, Hausaufgabenhilfe und Platz und Zeit zum Spielen und einfach Kindsein, was nicht selbstverständlich ist in einem Land, in dem Kinderarbeit legal und sehr gängig ist.
Das Projekt ist also echt eine riesige Stütze im Leben der Kinder, sozusagen eine sichere Zone, denn ich kann nur wiederholen, das Leben der Kinder ist hier wirklich nicht einfach. In vielen Familien gibt es Probleme mit Gewalt oder Vernachlässigung und schon 9-jährige tragen oft die komplette Verantwortung, für mehrere jüngere Geschwister zu sorgen.
Jedenfalls habe ich diese Woche erfahren, dass der Comedor Ende Januar schließen muss. Er wurde nämlich erst letztes Jahr mithilfe einer Spende der Erzdiözese Wien eröffnet. Das Geld reichte allerdings genau für ein Schuljahr, als Starthilfe, denn die Familien sollen einen monatlichen Beitrag zahlen. Der Beitrag ist mit 90Bs (11€) schon nur halb so hoch wie in dem anderen Comedor vom Cemva, der in einer anderen Gegend liegt, aber die Familien können ihn dennoch unmöglich aufbringen. Einige zahlen 10, andere 20 Bs im Monat, die meisten jedoch gar nichts.
Einige Kinder haben Paten, meist ehemalige Freiwillige, die ihr Essensgeld zahlen, doch unterm Strich reicht das Geld vorne und hinten nicht.
Ich will es aber nicht einfach hinnehmen, dass mein Projekt schließt! Die Kinder haben grade erst richtig angefangen, diese 4 Stunden nachmittags mit uns als Konstante in ihrem Leben zu etablieren und wir haben noch so viel mit ihnen vor!
Wir brauchen für das nächste Jahr eine große Spende von circa 10.000€, weshalb ich euch bitten möchte, mir mit euren Kongakten zu helfen: Kennt jemand von euch eine Firma, die vielleicht spenden würde oder hat Verbindungen zum Rotary- oder Lion’s Club? Ich bin für alle Tips dankbar! Meine Mail: malinsterr@gmail.com .
Außerdem möchte ich auch auf das Patenschaftsprogramm verweisen. Ich selber werde jetzt auch Patin eines Mädchens aus dem Comedor und falls jemand ebenso daran interessiert ist, kann er sich gerne bei mir melden. Der Beitrag beträgt wie gesagt 11€ im Monat und ich kann auch sehr gerne Berichte und Fotos der Patenkinder schicken.
Drückt bitte alle die Daumen, dass wir es schaffen, dass es den Comedor auch nächstes Jahr gibt!
Viele liebe Grüße,
Eure Malin